Buchtipp: "Die vierundfünfzigste Passagierin"

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"Die vierundfünfzigste Passagierin", der erste Roman von Franca Orsetti, erschienen im UHUDLA-Verlag.

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Montag, 12. Januar 2009

Kommissarin 4 - Zwischenkapitel

Akte III-1956.AKM 35.789-13255, Stanislav Gomm CoKG
Bewertung

Nach eingehender Prüfung der Akte komme ich zu dem gleichen Schluss wie Kommissar Wiesel am 11. November 1956, dass hierbei kein Gewaltverbrechen vorliegt.
Am 4. April 1956 wurde in dem Bach hinter der Kfz-Werkstätte Stanislav Gomm CoKG, Wien Simmering, ein Arbeitsoverall, der trotz vermutlich mehrtägiger Lagerung im Gewässer Ölflecken aufwies, gefunden. Eine Leiche konnte nicht entdeckt werden. Allerdings war seit 2. April 1956 ein junger Wanderarbeiter namens Reinhard (Nachname niemandem bekannt), der in der Woche davor Aushilfsarbeiten in der Werkstätte durchgeführt hatte, abgängig.
Ich teile die Meinung des mittlerweile verstorbenen Kommissars Wiesel, dass Reinhard weitergezogen war. Für das plötzliche Erscheinen und Verschwinden des jungen Mannes und sein bewusstes Zurücklassen der damals intakten und neuwertigen Arbeitskleidung mag vielleicht die Hypothese von Frau Berta Schmalbaum, derzeitige Bewohnerin des Geriatriezentrums am Wienerberg, herangezogen werden, die im Rahmen der aktuellen Recherchen von mir aufgetrieben und befragt wurde (beiliegendes Protokoll siehe Anhang 1).
Ich ersuche daher um Schließung der Akte III-1956.AKM 35.789-13255, Stanislav Gomm CoKG und um deren aktenmäßige Veranlassung.
Wien, 17. Oktober 2003 Kommissarin K. Breugel
Anhang 1
Gespräch mit Berta Schmalbaum (BS), Bewohnerin des Geriatriezentrums am Wienerberg, mit Kommissarin Breugel (KB), 9. Oktober 2003 – Wortprotokoll, relevanter Ausschnitt
BS: Ach so, die Gschicht mi’n Reni manans!
KB: Reni? Den Wanderarbeiter Reinhard, dessen Nachnamen man nicht kennt …
BS: Des is fia uns da Reni gwesn! Der wor oba net lang do.
KB: Sie können sich immer noch gut erinnern, nach knapp fünfzig Jahren.
BS: Fuchfzg Joar is des scho her? Des glaub i net. Wenn des so weidageht, werd i ja direkt no oid.
KB: Dennoch können Sie sich noch gut daran erinnern.
BS: Na, ka Wunda. So was gibt’s net alle Tog. An Mord ohn’ ana Leich. Es woar ka Mord.
KB: Also, Sie glauben nicht, dass jemand, zum Beispiel der Wanderarbeiter Reinhard, ermordet wurde.
BS: Oba hearn’S ma damit auf. Der is oboscht, weidazogn, als er überhirnt hat, dass ihn die Franzi angschmiert hat.
KB: Wer ist die Franzi?
BS: Na, die Franzi eben. I woas goa nimma, wie’s mit vollm Noman ghasn hot. Sie hot’s donn späda an Schweizer g’heirat, is zu eam zogn. Ja, die hot’s gut troffn, die Franzi…
KB: Was war mit der Franzi und dem Reinhard?
BS: Ja, verschaut hot er se hoad in die Franzi, der Reni. Is ja a ka Wunda, di woar ja wirkli fesch, die Franzi.
KB: Die beiden waren ein Paar?
BS: Aba na, der Reni war nur a paar Tog in da Gegend.
KB: Ein Wanderarbeiter eben.
BS: Wieso kumman Se ma die gonze Zeit mit Eanan Wondaoabeita? So a Student woa des, aus Deitschland, der is mit zwei oder drei Habera durch die Lande gezogn.
KB: Das ist aber nicht in der Akte gestanden. Wir sind von einem Wanderarbeiter, eventuell aus dem Burgenland oder Ungarn, ausgegangen.
BS: Wos Se imma mit Eana Wondaoabeita hom! Oabeita! Des i net loach! Des woa a liabs Birschl, fesch, aba oabeiten, des hat der no nia in san Lebn miassa. Da hot a gschaut, der Reni, wiara pletzlich in da Werkstott onpoackn hat miassn. Fertig woa der, total erledigt.
KB: Ja, wieso hat er überhaupt in der Werkstatt gearbeitet? Ist ihm das Geld ausgegangen?
BS: Aba na. Wegn da Franzi. Di hot er bei der Werkstatt gtroffn. Und di hot eam eben gfolln. Sie hot behauptet, dass si in da Werkstatt oabeitet. Stell’s Sa se des vor: A Frau in ana Werkstatt! Aba er hat di Geschicht geschluckt und hot se heimlich beim Chef von der Werkstatt anstellen lassn.
KB: Was hat die Franzi bei der Werkstatt gemacht? War sie die Tochter…?
BS: Oba gehn’s. Wenn wenigstens so oafach warat! Na, die Franzi woar fesch, aba Göd hot’s hoalt net ghobt. Wia wir alle. Dem Besitza von da Werkstatt hoat’s gfolln, die Franzi, und da is di Franzi hold efta bei eam gwesn. Dafiar is von earm mol ausgfiart worn, oda hot a Kladl geschenkt bekuma. Wir woarn ja olle oarm. A jeda hot schaun miassn, wo a bleibt.
KB: Und als der Reinhard begriffen hat, dass die Franzi und der Besitzer von der Werkstatt…, also…, da ist er auf und davon.
BS: Eingschnoppt woa a wahrscheinlich! Männliche Eitelkeit! Und g’ärgert hot a si, weil er umsonst di schware Hackn in da Werkstatt gemocht hat. Eh nur a poar Tog!
KB: Darum hat er sich auch des Arbeitsgewands entledigt und im Bach …
BS: Wos hot a erledigt?
KB: Den Overall…
BS: Na, nix hot se erledigt. So a Depp. Die Franzi hätt ihn do eh wolln. Hot ihr a taugt, dass er wegn ihr di schware Hockn ang’nomma hat. Er hätt nur woartn brauchn und net einfach weg und davon und seinen Freindn noch.
KB: Die Franzi war doch mit dem Besitzer der Werkstatt liiert?
BS: Liiert? Na hearn’S oba auf. Dem hot’s ja nur schen toh. Und wenn scho, des woa ja nix fia’s Herz. Na, wenn’S mi frogn: Die Franzi und der Reni wärn schoa a schens Poar geworn, wenn der Depp net davo gerannt warat.